RAFAEL HUMPERT

EINE PERSÖNLICHE SICHT DES HUMANISTISCHEN BILDUNGSWEGES

 

 

Nach der PISA-Studie sorgt man sich vielerorts um das deutsche Bildungswesen. Das "geistige Rüstzeug" der heranwachsenden Generationen ist gefährdet. Man diskutiert daher in der Politik, wie dem entgegenzutreten und eine zukunftgerichtete Ausbildung zu gestalten sei. Diese Diskussion möchte ich als Gelegenheit nutzen, um über meine persönlichen Erfahrungen zu berichten, und über etwas, das mir in Beruf und Studium geholfen hat: Der humanistische Bildungsweg, also der Unterricht der klassischen Sprachen Latein und Griechisch.

Das mag erstaunen, denn ich bin kein Altphilologe, sondern war nach einem Universitäts-Abschluss als Diplom-Kaufmann in einer Unternehmensberatung als Consultant tätig. Mein Schwerpunkt lag dabei im Bereich der modernen Technologien, Internet und Computer-Netzwerke. Dieses Jahr begann ich ein Promotionsstudium der Politologie. Latein hatte ich während der gesamten Gymnasialzeit belegt, es war sogar eines meiner zwei Hauptfächer im Abitur. Griechisch wählte ich als 3. Fremdsprache anstelle von Französisch. Der Eindruck, den der Lateinunterricht auf mich gemacht hat, ist allerdings stärker, da für Griechisch nur drei Schuljahre zur Verfügung standen.

Als grundlegenden Gewinn des altsprachlichen Unterrichts sehe ich, dass durch die Arbeit mit den Übersetzungstexten, der Besprechung von Satzaufbau, Logik und Inhalt, das analytische Denkvermögen stark geschult wurde. Dies wird häufig als wichtigstes Argument für den humanistischen Bildungsweg genannt. Doch in meinem Studium Betriebswirtschaftslehre konnte ich feststellen, dass neben dieser grundsätzlichen Schulung des Geistes auch der Inhalt der übersetzten und besprochenen Texte von Nutzen war. Ich möchte das mit einer Metapher meines BWL-Professors Dr. Werner Kirsch erläutern: „Die Betriebswirtschaftslehre beschäftigt sich mit allen Themen, die für Führung oder Funktion eines Unternehmens relevant sind. Sie ist daher mit einem Scheinwerfer vergleichbar, der verschiedene Forschungsgebiete gleichzeitig anstrahlt, und zwar an den Stellen, an denen sie für das Ziel der Lehre relevant sind, das heißt, zur Lehre der Unternehmung beitragen können." (Vorlesung Unternehmensführung, WS 1997, Werner Kirsch) Alle Forschungsgebiete können also einen Beitrag zur Betriebswirtschaftslehre leisten. Rhetorik beispielsweise ist in einem Unternehmen wichtig, um die notwendige Unterstützung für einen Plan zu gewinnen und zu sichern. CICERO diskutiert in seinem Werk "De oratore" die Redekunst und erklärt, wie eine mitreißende Rede zu gestalten ist. Im Unterricht wurden Reden von Cicero und anderen klassischen Autoren analysiert und diskutiert und damit eine solide rhetorische Grundkenntnis geschaffen. Eine andere wichtige Disziplin für die Lehre der Unternehmung ist die Rechtswissenschaft, deren grundsätzliches Verständnis für einen Unternehmer unerlässlich ist. Die moderne Jurisprudenz wurzelt in den lateinischen rechtstheoretischen Schriften und bezieht daher Kategorien und Denkfiguren. Für mein Studium war es daher hilfreich, dass bereits im Lateinunterricht einige davon im Originaltext gelesen und diskutiert worden sind.

Einen sehr unmittelbaren Nutzen des humanistischen Unterrichts kann ich in meinem gerade begonnenen Promotionsstudium der Politologie finden: Viele der in den verschiedenen Seminaren behandelten Philosophen, Ideen und historischen Bezüge sind mir bereits bekannt, da sie schon in der Gymnasialzeit im Original gelesen und andiskutiert wurden. Damit existiert für viele Themen dieses Studiums bereits ein ausgeprägtes Vorverständnis, das den Einstieg erleichtert und das Aneignen weiteren Wissens beschleunigt. Ein herausragendes Beispiel ist hier THUKYDIDES´ "Peloponnesischer Krieg" aus dem Griechisch-Unterricht, der von vielen Politologen als auch im modernen Zeitalter hochaktueller Text eingestuft wird, da das Stadtstaatensystem des alten Griechenland große Ähnlichkeiten mit dem modernen Staatensystem besitzt. Oder man denke an HOBBES´ Leviathan, in dem die Idee des modernen Staates als eigenständige Institution erstmals propagiert wird. Ich sehe in den Diskussionen politischer Themen im Lateinunterricht den Anfang meines Interesses für internationale Politik.

 

Im Bereich der Fremdsprachen half mir das gymnasiale Studium von Latein und Griechisch ohne Zweifel enorm. So kann ich aus eigener Erfahrung das bekannte Argument, dass das Studium eines komplexen Schemas jedes nachfolgende Lernen einer anderen Struktur vereinfacht, bestätigen: Das systematische Studium der umfangreichen lateinischen und griechischen Grammatik hat mir das Aneignen jeder anderen Sprache erleichtert. Dies hat sich für mich empirisch bei meinem über den Schulunterricht weit hinausgehenden Studium der englischen und bei meiner privaten Beschäftigung mit der französischen Sprache, die ich nie in der Schule belegt hatte, aber durch Selbststudium inzwischen sehr gut lesen kann, bewahrheitet. Bei den europäischen Sprachen ist außerdem der hohe Anteil direkt oder über Umwege aus dem Lateinischen stammender Wörter ein wichtiger Faktor. Diese werden häufiger, je anspruchsvoller das Sprachniveau ist. Wenn auch der Begriff eines Wortes jeweils unterschiedlich sein mag, so ist es doch für ein effizientes Lernen höchst wertvoll, die ursprüngliche - lateinische oder griechische - Bedeutung zu kennen: Erst dadurch wird es möglich, verschiedene Bedeutungen, die sich historisch entwickelt haben, auf den ursprünglichen Kern zurückzuführen, was das Lernen erheblich vereinfacht. Die Schulung durch Latein und Griechisch half mir sogar beim Studium der logisch von den europäischen Sprachen völlig verschiedenen Exoten Japanisch und Chinesisch, die ich beide inzwischen fließend beherrsche: Selbst hier lassen sich damals erlernte Mittel der Sprachanalyse einsetzen.

 

Während meiner Tätigkeit als Consultant kam mir besonders die bereits erwähnte generelle Schulung durch den altsprachlichen Unterricht zugute. Denn gerade diesen Beruf kennzeichnen die Analyse von Problemen, die Diskussion von Ergebnissen und das Vertreten eigener Ideen auch mit Hilfe der Rhetorik. Die sprachliche Schulung der Gymnasialzeit erleichterte mir sowohl das Verfassen von Projektvorschlägen und Studien als auch den fast alltäglichen Umgang mit englischen Texten. Die beste Starthilfe für diesen Beruf gab mir allerdings die Erfahrung der Projekte des Latein-Unterrichts: Unter Leitung unseres Lehrers erarbeiteten wir nach den diskutierten Übersetzungstexten Hörspiele. Hier wurde Teamarbeit und Kreativität gefordert. Die selbständige gegenseitige Abstimmung innerhalb der Gruppen, die übergreifende Koordination der von Gruppen und Einzelnen zu bearbeitenden Aufgaben unter Leitung unseres Lehrers und die Integration der Teile zu einem Gesamtergebnis waren wichtige erste Erfahrungen in der Arbeit in einem Team. Diese Projekte hatten auf mich einen großen Eindruck gemacht und waren für mich daher auch noch Jahre nach Schulabschluss bedeutsam.

 

Es dürfte deutlich geworden sein, dass ich im Rückblick meine für die heutige Zeit unübliche Wahl des humanistischen Bildungsweges mit den "toten" Sprachen Latein und Griechisch in keiner Weise ändern möchte. Der Gewinn kann enorm sein, insbesondere, wenn ein weitergehendes Studium oder eine anspruchsvolle Tätigkeit in der Wirtschaft angestrebt wird. Ich kann diesen Bildungsweg nur empfehlen.