„Solange
das Kolosseum steht, steht Rom, solange Rom steht, steht die Welt."
(Dum
stat Colosseum, stat Roma. Dum stat Roma, stat mundus.)
Aus dieser römischen Redensart spricht das ganze Selbstbewusstsein
der antiken Supermacht Rom, deren Expansion bis Britannien und Ägypten,
bis Spanien und bis zum Persischen Golf kein Mensch aufzuhalten vermochte;
erst die Natur selbst brachte sie an Meeresküsten und Flussufern,
an Wüstenrändern und unüberwindlichen Gebirgen zum Stehen. Diese bis
dahin unerhörte, scheinbar grenzenlose Macht, so wussten es die Römer,
war ihnen von den Göttern gegeben. Kein Wunder also, dass sich in
das römische Selbstkonzept auch der Gedanke der zeitlichen Unbegrenztheit
einschlich: Rom würde bis ans Ende der Welt bestehen - ,Roma aeterna'.
In einem Punkt täuschten sich die Herren der alten Welt: Auch ihr
Reich wurde, wie alles Menschliche, ein Opfer der Vergänglichkeit.
Nach knappen tausend Jahren, einem Millennium des Aufstiegs und des
Niedergangs der Stadt Rom, wurde 476 n. Chr. der letzte römische Kaiser
abgesetzt, die Macht der Herrscher am Tiber wurde hinweg gespült von
den Wogen der Völkerwanderung. Politik wurde künftig in anderen Zentren
gemacht.
Und doch war der Optimismus, mit dem man an Roms Unsterblichkeit glaubte,
nicht ganz unberechtigt: Die Macht der Stadt war vergangen, doch Rom
wurde wiedergeboren als Idee. Es war die Idee der ,humanitas`, die
Idee, dass Menschen besser sein können, als sie sind, es war
die Idee der globalen Hochkultur, die Idee der Bildung, es war die
Idee der von den Göttern gewollten und von den Menschen vollzogenen
Ordnung in einer chaotischen Welt.
Diese Idee gab nicht nur dem von Griechen beherrschten Ostrom am Bosporus,
dem späteren Byzanz, Struktur, sodass es noch ein weiteres Millennium
bis zur Eroberung durch die Türken (1453) Bestand hatte. Sie verlieh
keinem anderen als dem Bischof von Rom die Legitimation, Oberhaupt
der katholischen Kirche zu sein. Dieser Idee folgten Jahrhunderte
lang die deutschen Könige, wenn sie nach Rom zogen, um sich zum römischen
Kaiser krönen zu lassen. Aus ihr lebten die Renaissance und das Denken
der Humanisten ebenso wie Dantes ,Göttliche Komödie` oder Shakespeares
,Julius Caesar`. Ihr wussten und wissen sich all die verpflichtet,
die in Fragen der Politik und der Rechtsprechung nach den pragmatischen
Prinzipien der Römer agierten und noch heute agieren. Mit einem Wort:
Europa trägt den Stempel der RomIdee.
Dies wäre nicht möglich, hätte sich nicht die Sprache der Römer in
einem unglaublichen Siegeszug bis in die Neuzeit hinein zur grenzüberschreitenden
Kultur- und Wissenschaftssprache entwickelt. Latein wurde nicht nur
in der Kirche, sondern überhaupt in akademischen Bevölkerungsschichten
selbstverständlich fließend gesprochen, was durch einen intensiven
Lateinunterricht an den Schulen ermöglicht wurde. - Als Alltagssprache
hat Latein heute längst ausgedient. Daher fordern seine Kritiker für
das dritte Jahrtausend seine endgültige radikale Entfernung aus dem
Kanon der Schulfächer. Wird also wiederum mit der Vollendung eines
Millenniums ein Stück Rom sterben? Vergeht nach Westrom und Ostrom
nun auch seine Sprache und damit über kurz oder lang auch seine Idee?
Wohl kaum! Zu viele Notwendigkeiten machen die Kenntnis des Lateinischen
erforderlich - jetzt und auch im kommenden Millennium.
1. Zwar wächst momentan eine Augenblicksgesellschaft heran, die sich
auf eine historische Perspektive der Gegenwart nicht einlassen mag.
Und doch wird auch sie nicht umhin können, die Vergangenheit kennenzulernen,
wenn sie nicht gezwungen sein will, sie zu wiederholen, wie es der
amerikanische Philosoph George Santayana einmal formulierte. Europäische
Vergangenheit - und hierin liegt europäische Identität begründet -
ist ohne Latein nicht denkbar. Große Texte der europäischen Literatur
wären nicht im Original lesbar. Dem Hinweis auf die mittlerweile reichlich
vorhandenen Übersetzungen wird zu Recht Skepsis entgegengebracht.
Der Versuch, "Wanderers Nachtlied" ins Englische zu übersetzen,
zeigt sofort, dass Sprachen nicht ohne weiteres kompatibel sind. Gerade
die staatstheoretischen oder juristischen Texte der Römer sind voller
sensibler und trennscharfer Definitionen, sodass Übersetzungen sozusagen
eine sichere Quelle des Missverständnisses sind.
2. Nicht nur ein wissenschaftliches Studium setzt Fremdsprachenkenntnisse
voraus. Auch im Kontext des zusammenwachsenden Europas ist die Beherrschung
möglichst vieler Fremdsprachen ein wesentliches Qualitäts- und Einstellungskriterium
auf dem Arbeitsmarkt. Latein liefert nicht nur das grundlegende linguistische
Modell fast aller europäischen Sprachen, sondern auch automatisch
in einer Reihe moderner Fremdsprachen ein passives lexikalisches und
grammatikalisches Wissen, das die Lektüre italienischer, spanischer,
französischer und englischer Texte erheblich erleichtert. Auf der
Grundlage der Basis- und Muttersprache Europas gelingt dann die aktive
Aneignung ihrer modernen ,Töchter` zum Zweck der sprachlichen Verständigung
mühelos.
3. Die zunehmende Technisierung und Verwissenschaftlichung unserer
Welt führt zu einer permanenten Anreicherung der Sprache mit neuen
Begriffen, die zur Bezeichnung neuer Sachverhalte und Produkte künstlich
gebildet werden. In der Regel bestehen diese Wörter - gerade im Bereich
der Computer- Technologie - , auch wenn sie oft im englischen Gewand
daherkommen, aus lateinischen Elementen wie etwa die modernen Prägungen
,Computer`, ,Server`, ,Access`, ,Office`, ,Editor`, ,Monitor`, ,interaktives
Medium` oder ,Corporate Identity`, ,C(ompact) D(isc)` und eben ,Millennium`.
Den Vertretern des Faches Latein an den Schulen ist zu raten, ihren
Schülerinnen und Schülern immer wieder anschaulich vor Augen zu führen,
dass sich die Aktualität und Weisheit der zur Weltliteratur gehörenden
lateinischen Texte gerade im Jetzt bewährt, dass Latein sich unmittelbar
in den modernen Fremdsprachen aktivieren lässt, dass seine Kenntnis
Klarheit und Ordnung schafft in der verwirrenden Begriffswelt der
Moderne. Besonders in der Schule muss deutlich werden, dass Latein
auch die Menschen des dritten Jahrtausends täglich in Fremdsprachen
und Fremdwörtern umgeben wird, ganz abgesehen von den unzähligen deutschen
Lehnwörtern wie Insel (insula), Ziegel (tegula), Fenster (fenestra)
und Rose (rosa). Und nicht zuletzt ist es unerlässlich zu zeigen,
dass Latein die Sprache ist, die Kernbegriffe unseres modernen Selbstverständnisses
geprägt hat: Zivilisation, Kultur und Staat, Humanität, Liberalität
und Rationalität, Errungenschaften, für die auch in der Zukunft kein
Einsatz zu hoch ist. Für sie zu streiten setzt allerdings voraus,
dass man weiß, was sie bedeuten, dass man weiß, wofür man streitet.
Latein wird nicht mehr im Alltag gesprochen, aber tot - nein, tot
ist es wahrhaftig nicht. Als Kommunikationsmittel ist es nach wie
vor unersetzlich - und von erstaunlicher Lebendigkeit.
Vielleicht lebt es im kommenden Millennium nicht mehr von der Idee
eines unsterblichen Rom, um so mehr aber von der Wirklichkeit einer
intelligenten globalen Kommunikation, die Latein nicht mehr als Sprache
verwendet, sondern als unerschöpfliche Quelle ihrer Begrifflichkeit.