Jörg Eyrainer

Latein und das nächste Millennium

 

 

„Solange das Kolosseum steht, steht Rom, solange Rom steht, steht die Welt." 

(Dum stat Colosseum, stat Roma. Dum stat Roma, stat mundus.)


Aus dieser römischen Redensart spricht das ganze Selbstbewusstsein der antiken Supermacht Rom, deren Expansion bis Britannien und Ägypten, bis Spanien und bis zum Persischen Golf kein Mensch aufzuhalten vermochte; erst die Natur selbst brachte sie an Meeresküsten und Flussufern, an Wüstenrändern und unüberwindlichen Gebirgen zum Stehen. Diese bis dahin unerhörte, scheinbar grenzenlose Macht, so wussten es die Römer, war ihnen von den Göttern gegeben. Kein Wunder also, dass sich in das römische Selbstkonzept auch der Gedanke der zeitlichen Unbegrenztheit einschlich: Rom würde bis ans Ende der Welt bestehen - ,Roma aeterna'.

In einem Punkt täuschten sich die Herren der alten Welt: Auch ihr Reich wurde, wie alles Menschliche, ein Opfer der Vergänglichkeit. Nach knappen tausend Jahren, einem Millennium des Aufstiegs und des Niedergangs der Stadt Rom, wurde 476 n. Chr. der letzte römische Kaiser abgesetzt, die Macht der Herrscher am Tiber wurde hinweg gespült von den Wogen der Völkerwanderung. Politik wurde künftig in anderen Zentren gemacht.
Und doch war der Optimismus, mit dem man an Roms Unsterblichkeit glaubte, nicht ganz unberechtigt: Die Macht der Stadt war vergangen, doch Rom wurde wiedergeboren als Idee. Es war die Idee der ,humanitas`, die Idee, dass Menschen  besser sein können, als sie sind, es war die Idee der globalen Hochkultur, die Idee der Bildung, es war die Idee der von den Göt­tern gewollten und von den Menschen vollzogenen Ordnung in einer chaotischen Welt.
Diese Idee gab nicht nur dem von Griechen beherrschten Ostrom am Bosporus, dem späteren Byzanz, Struktur, sodass es noch ein weiteres Millennium bis zur Eroberung durch die Türken (1453) Bestand hatte. Sie verlieh keinem anderen als dem Bischof von Rom die Legitimation, Oberhaupt der katholischen Kirche zu sein. Dieser Idee folgten Jahrhunderte lang die deutschen Könige, wenn sie nach Rom zogen, um sich zum römischen Kaiser krönen zu lassen. Aus ihr lebten die Renaissance und das Denken der Humanisten ebenso wie Dantes ,Göttliche Komödie` oder Shakespeares ,Julius Caesar`. Ihr wussten und wissen sich all die verpflichtet, die in Fragen der Politik und der Rechtsprechung nach den pragmatischen Prinzipien der Römer agierten und noch heute agieren. Mit einem Wort: Europa trägt den Stempel der Rom­Idee.
Dies wäre nicht möglich, hätte sich nicht die Sprache der Römer in einem unglaublichen Siegeszug bis in die Neuzeit hinein zur grenzüberschreitenden Kultur- und Wissenschaftssprache entwickelt. Latein wurde nicht nur in der Kirche, sondern überhaupt in akademischen Bevölkerungsschichten selbstverständlich fließend gesprochen, was durch einen intensiven Lateinunterricht an den Schulen ermöglicht wurde. - Als Alltagssprache hat Latein heute längst ausgedient. Daher fordern seine Kritiker für das dritte Jahrtausend seine endgültige radikale Entfernung aus dem Kanon der Schulfächer. Wird also wiederum mit der Vollendung eines Millenniums ein Stück Rom sterben? Vergeht nach Westrom und Ostrom nun auch seine Sprache und damit über kurz oder lang auch seine Idee?
Wohl kaum! Zu viele Notwendigkeiten machen die Kenntnis des Lateinischen erforderlich - jetzt und auch im kommenden Millennium.

1. Zwar wächst momentan eine Augenblicksgesellschaft heran, die sich auf eine historische Perspektive der Gegenwart nicht einlassen mag. Und doch wird auch sie nicht umhin können, die Vergangenheit kennenzulernen, wenn sie nicht gezwungen sein will, sie zu wiederholen, wie es der amerikanische Philosoph George Santayana einmal formulierte. Europäische Vergangenheit - und hierin liegt europäische Identität begründet - ist ohne Latein nicht denkbar. Große Texte der europäischen Literatur wären nicht im Original lesbar. Dem Hinweis auf die mittlerweile reichlich vorhandenen Übersetzungen wird zu Recht Skepsis entgegengebracht. Der Versuch, "Wanderers Nachtlied" ins Englische zu übersetzen, zeigt sofort, dass Sprachen nicht ohne weiteres kompatibel sind. Gerade die staatstheoretischen oder juristischen Texte der Römer sind voller sensibler und trennscharfer Definitionen, sodass Übersetzungen sozusagen eine sichere Quelle des Missverständnisses sind.

2. Nicht nur ein wissenschaftliches Studium setzt Fremdsprachenkenntnisse voraus. Auch im Kontext des zusammenwachsenden Europas ist die Beherrschung möglichst vieler Fremd­sprachen ein wesentliches Qualitäts- und Einstellungskriterium auf dem Arbeitsmarkt. Latein liefert nicht nur das grundlegende linguistische Modell fast aller europäischen Sprachen, sondern auch automatisch in einer Reihe moderner Fremdsprachen ein passives lexikalisches und grammatikalisches Wissen, das die Lektüre italienischer, spanischer, französischer und englischer Texte erheblich erleichtert. Auf der Grundlage der Basis- und Muttersprache Europas gelingt dann die aktive Aneignung ihrer modernen ,Töchter` zum Zweck der sprachlichen Verständigung mühelos.

3. Die zunehmende Technisierung und Verwissenschaftlichung unserer Welt führt zu einer permanenten Anreicherung der Sprache mit neuen Begriffen, die zur Bezeichnung neuer Sachverhalte und Produkte künstlich gebildet werden. In der Regel bestehen diese Wörter - gerade im Bereich der Computer- Technologie - , auch wenn sie oft im englischen Gewand daherkommen, aus lateinischen Elementen wie etwa die modernen Prägungen ,Computer`, ,Server`, ,Access`, ,Office`, ,Editor`, ,Monitor`, ,interaktives Medium` oder ,Corporate Identity`, ,C(ompact) D(isc)` und eben ,Millennium`.

Den Vertretern des Faches Latein an den Schulen ist zu raten, ihren Schülerinnen und Schülern immer wieder anschaulich vor Augen zu führen, dass sich die Aktualität und Weisheit der zur Weltliteratur gehörenden lateinischen Texte gerade im Jetzt bewährt, dass Latein sich unmittelbar in den modernen Fremdsprachen aktivieren lässt, dass seine Kenntnis Klarheit und Ordnung schafft in der verwirrenden Begriffswelt der Moderne. Besonders in der Schule muss deutlich werden, dass Latein auch die Menschen des dritten Jahrtausends täglich in Fremd­sprachen und Fremdwörtern umgeben wird, ganz abgesehen von den unzähligen deutschen Lehnwörtern wie Insel (insula), Ziegel (tegula), Fenster (fenestra) und Rose (rosa). Und nicht zuletzt ist es unerlässlich zu zeigen, dass Latein die Sprache ist, die Kernbegriffe unseres modernen Selbstverständnisses geprägt hat: Zivilisation, Kultur und Staat, Humanität, Liberalität und Rationalität, Errungenschaften, für die auch in der Zukunft kein Einsatz zu hoch ist. Für sie zu streiten setzt allerdings voraus, dass man weiß, was sie bedeuten, dass man weiß, wofür man streitet. Latein wird nicht mehr im Alltag gesprochen, aber tot - nein, tot ist es wahrhaftig nicht. Als Kommunikationsmittel ist es nach wie vor unersetzlich - und von erstaunlicher Lebendigkeit.
Vielleicht lebt es im kommenden Millennium nicht mehr von der Idee eines unsterblichen Rom, um so mehr aber von der Wirklichkeit einer intelligenten globalen Kommunikation, die Latein nicht mehr als Sprache verwendet, sondern als unerschöpfliche Quelle ihrer Begrifflichkeit.