Dankesworte von Roman Herzog anlässlich der Verleihung des Humanismus-Preises des Deutschen Altphilologenverbandes
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Meine sehr
verehrten Damen und Herren!
Bevor ich an alle, die es angeht, den gebührenden Dank ausspreche, möchte ich doch erzählen, was mir vor etwa einer Stunde passiert ist im Kreise der Vorstandschaft des Deutschen Altphilologenverbandes.
Da ist
mir diese Medaille gezeigt worden; und ich bin darauf hingewiesen worden,
ich sollte sie im Ernstfall s o halten, damit sie nicht auf den Boden
fällt.
(Anm. d.
Red.: Unmittelbar vor der feierlichen Überreichung war, sehr zur Erheiterung
des Publikums, die Medaille zu Boden gefallen!)
Es ist
ein treffliches Beispiel, ein kleines, aber gleichwohl treffliches Beispiel
für den Grundsatz, nach dem in unserem Land politische Debatten, auch
moralische Debatten, geführt werden. Dieser Grundsatz lautet, und das
ist ja auch wahr: Der Wegweiser braucht nicht mitzugehen.
Aber jetzt
lassen Sie mich zunächst einmal danken, natürlich Ihnen, Herr Prof.
Maier, dem Altphilologenverband, für die Ehrung, die Sie heute an mir
verüben. Wissen Sie, wenn man Bundespräsident ist, und dann auch noch,
wie das so schön heißt, Altbundespräsident, da kommen die Ehren in Massen.
Es gibt viele, bei denen man sagt: Ich nehme sie an, die Leute meinen’s
ja gut. Und bis ich ihnen erkläre, warum ich sie nicht annehme, ist
es einfacher, sie anzunehmen.
Es gibt
auch Ehrungen, die halt kommen wie Alterserscheinungen anderer Art auch,
Orden usw. Aber es gibt immer wieder welche, von denen man sagt, entweder,
ja, die hast du vielleicht verdient, oder von denen man sagt, also jedenfalls
darüber freue ich mich, auch wenn sie nicht verdient sein sollten. Unter
die letzte Kategorie gehört die heutige Ehrung. Verdient ist sie nicht
ganz, aber sie freut mich. Lassen Sie mich das ganz deutlich sagen.
Ich bin
auch durchaus noch imstande, die Worte der Urkunde – ich habe sie nicht
gelesen, das muss ich zugeben, obwohl sie mir rechtzeitig zugesandt
worden ist – aber im Vorlesen zu verstehen. Denn mit meinen Sprachkenntnissen
ist es so: Lateinisch und Bayerisch beherrsche ich komplett, Deutsch
und Englisch gebrochen. Nur eines, Herr Maier, ist mir nicht klar geworden,
warum mein Name Herzog unübersetzt drinsteht: Sie hätten ruhig „Duci“
schreiben können. Das erinnert mich an einen Besuch bei einer amerikanischen
Einheit irgendwo, ich glaube, es war im Hessischen. Die nannten sich
selber „The Dukes“. Und die hatten als Wahlspruch über ihrem
Bataillonswappen „Dukes are the Best“. Ich habe ihnen gesagt,
da könnte ich ihnen nur zustimmen.
Aber jetzt
im Ernst: Seien Sie herzlich bedankt. Ich habe mich darüber gefreut,
ich habe mich über diesen Preis gefreut. Und wenn ich ihn vielleicht
auch nicht ganz verdiene, so habe ich doch mein ganzes Leben lang versucht,
nicht nur die äußerliche, sondern auch die innere Verbindung zu dem,
was Sie, Herr Schröder, als „humaniora“ zitiert haben, zu halten.
Und Ihnen
gilt natürlich der zweite, ganz besonders herzliche Dank. Dass ich Sie
bei der Gelegenheit einmal wieder sehen und treffen durfte, ist ein
ganz besonderer Vorzug. Dass Sie mich so über den grünen Klee gelobt
haben, das hat mich auch nicht ganz überrascht. Was hätten Sie denn
anders hier sagen sollen. Aber es gibt doch auch das persönliche Verhältnis
wieder, das wir in diesen vergangenen Jahren zueinander gefunden haben,
und es hat mich schon gefreut.
Auch die
Zurückhaltung im Lob: Ich sage gelegentlich über Menschen, deren Realitätssinn,
meistens politischen Realitätssinn, ich schätze: „Er steht mit allen
vier Füßen auf dem Boden der Tatsachen.“ Sie haben‘s bei den zwei Füßen
gelassen und dafür bin ich Ihnen herzlich dankbar.
Sie haben
sich auch nicht darauf berufen, dass man Gedichte oder auch Reden ohne
R halten müsste. Da wären Sie bei mir überhaupt nicht hingekommen!
Das, was
Sie gesagt haben, und auch, wie Sie es gesagt haben, hat mich wirklich
berührt, und dafür bin ich Ihnen dankbar. Das werde ich Ihnen so schnell
nicht vergessen. Sie haben an einem Punkt mich korrigiert. Infolgedessen
muss ich an einem Punkt Sie korrigieren, das gehört dazu. Das liebste
Theodor-Heuss-Zitat ist nicht das mit dem „Siegt mal schön“, das im
übrigen gar nicht so besonders originell war. Ein langjähriger enger
Mitarbeiter von Theodor Heuss, der später in der baden-württembergischen
Politik selber eine erhebliche Rolle gespielt hat, hat mir einmal ein
anderes Heuss-Zitat erzählt, das ich Ihnen doch nicht vorenthalten möchte.
Wenn Tee-
oder Kaffee-Einladung war, dann standen Kuchen, Zucker, irgendwelche
Schnäpse auf dem Tisch, Tee und Kaffee. Und Theodor Heuss soll dann
immer gesagt haben: „Sie sollen wissen, meine Gäste, wir werden Sie
nicht sonderlich nötigen. Aber das dürfen Sie auch wissen: Was auf dem
Tisch steht, das haben wir bereits verloren gegeben.“ Das liebe ich
ganz besonders.
Und nun
zu dem Latein-Abitur, das mir an den Fersen haftet. Ich habe es zunächst
gar nicht gewählt aus Gründen, die mit den Alten Sprachen zusammenhingen,
sondern ich habe als Kultusminister vor allen Dingen von den Elternbeiräten
und auch von Medienvertretern, die sich im Abitur offenbar schwer getan
hatten, immer wieder gehört, welche unerhörten Strapazen und Grausamkeiten
unsere Abiturienten heutzutage im Abitur erleben und durchmachen müssten.
Das wollte ich mir einmal ansehen. Und eine Organisation, und sei sie
auch noch so klein, können Sie immer am besten dadurch kennen lernen,
dass Sie selber hineingehen. Drum wollte ich so ein Abitur mal mitschreiben.
Da muss man nun Rücksicht nehmen. Erstens auf sich selber. In den Naturwissenschaften,
auch in der Mathematik, haben sich die Lehrpläne seit meiner längst
vergangenen Jugend so geändert; da hätte ich nicht mithalten können.
Es hätte aber auch Fächer gegeben, wo man dem Lehrer nicht hätte zumuten
dürfen, die Arbeit seines Ministers zu beurteilen. Stellen Sie sich
einen Deutschaufsatz vor oder eine Geschichtsarbeit oder etwas Vergleichbares.
Dann bin
ich auf Latein gekommen. Ich habe damals ein Buch mit lateinischen Texten,
das ich noch aus meiner Schülerzeit besitze, aufgeschlagen. Es hat sich
zufällig bei dem Plinius-Brief selber aufgeklappt, der den Ausbruch
des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. beschreibt. Diejenigen, die das schon
mal gelesen haben, wissen, dass das nicht das leichteste Latein ist.
Mit „Gallia est omnis divisa in partes tres“ kommt man da nicht
durch. Aber ich war imstande, das Ding fließend zu lesen. Daraufhin
habe ich mich entschlossen, das zu machen. Spätere Überlegungen waren:
Das ist natürlich auch eine Demonstration für die Alten Sprachen, von
denen mir, wie ich zugebe, das Lateinische sehr viel näher steht als
das Griechische.
Aber das
war nicht das Primäre. Ich wollte eigentlich sehen, wie ein Abitur zugeht.
Und erst, als ich wieder heraußen war, habe ich begriffen, dass die
Versuchsanordnung falsch war. Ein Leistungskurs in Alten Sprachen, das
ist nicht ein normaler Kurs von Abiturienten. Das ist für sich schon
Elite. Und die waren infolgedessen völlig unaufgeregt. Ich erinnere
mich an einen langhaarigen Bärtigen, der neben mir in der Bank saß und
mich immer so von der Seite anschaute.Als es dann aber losging, grinste
er und sagte: „Also dann viel Erfolg!“ – Also absolute Ruhe und Gelassenheit.
Und ich muss zugeben: Ich muss nicht der Überzeugung sein, dass das
in jedem anderen Leistungskurs auch so der Fall gewesen wäre.
Was ich
nur nicht verstanden habe, und, Herr Schröder, Sie haben es wieder aufgegriffen:
wieso das anonym gewesen sein soll. Natürlich ist mein Name, wie in
dem ganzen baden-württembergischen Abitur, nicht auf der Arbeit draufgestanden.
Aber wenn der Lehrer bei 15 oder 16 Schülern nicht gewusst haben sollte,
welche Schrift die ist, die nicht dazugehört, dann wäre er im Grunde
nicht amtsfähig gewesen. Und insofern war es nicht wirklich anonym.
Es ist
auch ein bisschen dumm ausgegangen. Es hat, glaub‘ ich, um acht Uhr
oder viertel nach acht Uhr begonnen, und ich musste um neun Uhr dreißig
in der Kabinettssitzung sein. Ich musste mich also etwas beeilen. Als
ich mein Blatt abgab – das werde ich nie vergessen – , da war der aufsichtsführende
Lehrer völlig mit den Nerven herunter. Wie man so sagt, es sind ihm
sämtliche Gesichtszüge entgleist. Er hat, wie er mir dann nachher erzählt
hat, nämlich angenommen, ich
Aber nun
zum Ernst: Sie wissen ja, dass ich jahrelang immer für Technik, für
Ökonomie, für das Handfeste im Leben eingetreten bin, aus Gründen, die
ich hier nicht erläutern will. Das will ich Ihnen gern ersparen. Aber
es hat immer daneben auch eine Rolle gespielt das, was wir so gemeinhin
den interkulturellen Dialog nennen. Ich gehe von einer Welt aus, die
in 20 oder 25 Jahren so aussehen wird, dass es die Nationalstaaten natürlich
noch geben wird, zumindest dort, wo sie in ihren Grenzen weitgehend
den Nationen entsprechen – was man für Asien und Afrika ja nicht immer
behaupten kann. Ich gehe davon aus, dass es darüber aber eine neue Schicht
von politischen Organisationsformen geben wird, die man heute gemeinhin
als Blöcke bezeichnet und in denen sich weltanschaulich orientierte
Gruppierungen zusammenfügen: eineinhalb Milliarden Chinesen, von denen
man nicht mehr genau weiß: Sind sie Kommunisten oder sind sie wieder
Konfuzianer? Eine Milliarde Moslems unterschiedlicher Denominationen,
eine Milliarde Hindus und so weiter, daneben ein paar hundert Millionen
Europäer. Und ich gehe davon aus, dass gerade in der Zeit, in der die
sogenannte Globalisierung sehr vieles im Leben der Menschen, im Leben
der Völker zu vereinheitlichen sich anschickt, die Reaktion – und wir
sehen sie ja allenthalben in der Welt – die Reaktion sein wird, dass
die Völker sich auch wieder auf ihre Urgründe, auf die geistigen Wurzeln,
aus denen sie kommen, auf die historischen Wurzeln, aus denen sie kommen,
besinnen werden. In Asien sehen wir das sehr deutlich. In Afrika ist
es noch weniger deutlich zu erkennen. Lateinamerika ist ein Problem
besonderer Art, darüber will ich jetzt nicht sprechen.
Das ist
eine Frage, meine Damen und Herren, die uns herausfordern wird.
Erstens:
Wir müssen endlich damit aufhören, alles aus dem Blickwinkel des Europäers
oder – sagen wir es deutlich – des weißen Mannes zu sehen und zu beurteilen.
Das ist nicht nur eine Frage des Anstands, des Respekts vor den Anderen,
deren Kulturen keinen Grund haben, sich hinter der europäischen Kultur
zu verstecken.
Es ist
zweitens eine Frage der Klugheit, der Friedenserhaltung, weil niemand
weiß, ob aus diesen neu sich konstituierenden Blöcken und ihrer Konkurrenz
nicht auch Kriege – und zwar furchtbare Kriege! – entstehen werden.
Die Amerikaner neigen dazu, die Frage zu bejahen. Ich neige nicht dazu,
sie zu bejahen. Aber ich sage dann: Da müssen wir etwas tun; da müssen
wir mit den Anderen uns zusammensetzen und mit den Anderen auch das,
was uns gemeinsam ist, klarstellen und das, was uns trennt, ebenso klarstellen.
Und dann die Frage stellen, ob es sich dafür lohnt, für diese Unterschiede
ein paar Wasserstoffbomben zu werfen.
Und das
Dritte ist, was noch viel zu wenig empfunden wird. Aber wenn Sie so
viel durch die Welt reisen müssen, wie ich das in den letzten Jahren
tun musste, dann empfinden Sie das ganz deutlich. Die Anderen – Moslems,
Hindus, Konfuzianer – ich nenne nur wieder die drei: Die sind von ihrer
Sache sehr viel mehr überzeugt. Die sind sich ihrer Sache sehr viel
mehr bewusst als wir doch sehr „wischiwaschi“ gewordenen Europäer. Die
werden uns fragen: Was sind die Grundlagen eurer Kultur – die ihnen
ja zum großen Teil – nicht immer zu ihrem Schaden, aber zum großen Teil
– übergestülpt worden ist. Und sie werden uns genau darauf abklopfen,
ob wir von diesen Grundlagen etwas wissen, ob wir von ihnen noch erfasst
sind, ob wir zu ihnen noch stehen, bei allen Veränderungen, die es im
Lauf der Jahrhunderte gegeben hat.
Und da
sind Sie bei Jerusalem, da sind Sie bei Athen, da sind Sie bei Rom.
Das ist nicht alles, denn es ist auch eine Frage, wann das eigentlich
in unserem Kulturkreis umgeschnappt ist: wann eigentlich der europäische
Mensch begonnen hat, nicht nur aus der Antike zu leben und aus dem Christentum,
aus den jüdischen Wurzeln des Christentums zu leben, sondern ab wann
er begonnen hat, die Sache selber in die Hand zu nehmen und peu à
peu über Jahrhunderte hinweg das zu werden, was wir heute sind,
eine wissenschaftlich und technisch orientierte Gesellschaft. Das muss
ja irgendwann einmal passiert sein. Das lässt sich ziemlich leicht vermuten,
wann das war: bei der ersten Überwindung der Scholastik. Und es hat
sich in Jahrhunderten fortentwickelt.
Aber die
Quellen, die Wurzeln sind dahinter, und von denen müssen wir Bescheid
wissen. Das bedeutet, dass immer – jedenfalls unter denen, die erstens
denken können und zweitens bereit sind zu denken – viele dabei sein
müssen, die von der Antike Bescheid wissen, die auch bestimmte Dinge
in ihrem Urtext lesen können, die philosophischen Fragen nachgehen können.
Ich bin
im übrigen auch ganz sicher, dass eine intime Kenntnis des Lateinischen
ein hervorragendes Denkpropädeutikum für Sozialwissenschaften ist –
dieses: feste Regeln und doch immer wieder Ausnahmen. – Bei der Naturwissenschaft
des 19./20. Jahrhunderts war es anders: Da war die Mathematik die Grundlage
des Denkens: feste Regeln, aber keine Ausnahme. Aber das ist vorbei.
Bei der Naturwissenschaft des jetzt beginnenden Jahrhunderts – nämlich
der Biologie – wird es anders sein. Da gibt es auch wieder die Ausnahmen,
mit denen man rechnen muss.
Im Grunde
sind es die Denkstrukturen, nicht nur, die man aus der Kenntnis des
Lateinischen ableiten kann; aber man kann aus der Kenntnis des Lateinischen
diese Art von Denkstrukturen sehr wohl ableiten. Ich wüsste kein besseres
Propädeutikum.
Sie mögen
sagen, ich predige einen Rückfall zu Napoleon I., mit Latein und Mathematik.
Richtig, aber das war ein kluger Mann. Der hat zwar einige Kriege zu
viel geführt. Aber was er sonst getan hat, das war aller Ehren wert.
Ich hätte
eigentlich nicht so lange reden sollen. Ich sehe auf die Uhr: Es beginnt
halb vier Uhr zu werden. Fugit irreparabile tempus. Und ich werde
jetzt auch fliehen. Fugiam! – Danke sehr!
ROMAN HERZOG, Bundespräsident
a. D. |