An Caesar scheiden sich seit
langem die Geister – in Universität und Schule. Daran, wie dieser Autor
im Lektürekanon positioniert wird, hängt man gewissermaßen die ganze
didaktische Reflexion über Sinn oder Unsinn des Lateinunterrichtes auf.
Im Anschluss an Walter Ludwig und Manfred Fuhrmann, die im Zuge der
Erneuerung des Faches während der Curriculum-Reform dem Umstand ein
Ende setzen wollten, dass „sich der Schüler zuerst durch den Gallischen
Krieg zu quälen habe“ bzw. die Schüler dem „freudlosen Bemühen“, der
„öden Plackerei“ der Caesarlektüre, überhaupt der Begegnung „mit monotonen
Kriegsoperationen“ und „einer niederträchtigen Machtpolitik“ ausgeliefert
würden, hat unlängst Joachim Dalfen die Frage, was wir „mit unseren Bildungsgütern anfangen“, engstens
an die Bewertung Caesars als Schulautor gebunden. Das Festhalten an
Caesar dokumentiert für ihn den Missbrauch des dem Lateinischen gestellten
Bildungsauftrages.
Von Seiten der Schule haben die universitären Caesar-Gegner Unterstützung
erfahren. Neuerdings hat sich Dieter Schmitz tiefgründig mit dieser
Problematik auseinandergesetzt. Seine Ablehnung des Autors hat er unter
dem sprechenden Titel „Eine Lanze gegen Cäsar...“ zur Diskussion gestellt.
Caesar ist jedoch trotz der geharnischten Invektiven nicht aus dem Kanon
eliminiert. Das mag wohl in dem vielfach geschmähten Beharrungsvermögen
der Altphilologen mit begründet sein; es hat aber auch etwas damit
zu tun, dass die gleichzeitig auf den Plan gerufenen Befürworter Caesars
doch auch stichhaltige Argumente für den Autor vorzubringen wussten
wie etwa Karl Bayer, Ernst Römisch, der Verfasser selbst, Gerhard Fink sowie zuletzt Stephan Brenner und Helmut
Offermann. Auch Universitätslehrer
unterstützten die Caesar-Verteidigung wie etwa Joachim Latacz und Hans Jürgen Tschiedel.
Die Einlassungen der Caesar-Kritiker
waren gewiss nicht erfolglos; sie haben nicht nur Alternativgebote vor
allem aus den Gebieten der Spätantike, des Mittelalters und des europäischen
Humanismus zutage gefördert – damit wurde Latein überhaupt erst als
Schlüsselfach der europäischen Tradition ins Bewusstsein gehoben; das
bleibt vor allem Manfred Fuhrmanns bleibendes Verdienst für die Schule
–, auch die Caesar-Lektüre selbst wird seitdem nicht mehr plan-, ziel-
und vorbehaltlos betrieben; eine ganz andere methodische Herangehensweise
ist heute gefordert und zumindest teilweise vollzogen. Man ist dem Autor
gegenüber didaktisch erheblich sensibler geworden.
Warum aber ist Caesar im Kanon geblieben? Er ist nach wie vor einer
der Zentralautoren
der Mittelstufe, zwar nicht mehr überall verbindlich vorgeschrieben,
in manchen Bundesländern zu anderen Autoren in Alternative gestellt.
Die Argumentation dafür ist nicht in einem einfachen Für- und Widerschema
zu führen, sie ist vielschichtig und von etlichen Komponenten bestimmt.
Ein militärisch-politischer Bericht über erfolgreiches, blutig-grausames
Erobern ist an sich gewiss kein attraktives Lektüreangebot, es bewirkt
beim Schüler von vornherein kein positives Erlebnisgefühl, auch keine
Einsicht in wertorientiertes Verhalten; es baut sich kaum Identifikation,
kaum Motivation auf. Dieter Schmitz meint sogar, dass „die dargebotenen
Inhalte völlig an den Interessen der Schüler vorbeigingen“. Der „brutale
römische Imperialismus“, „Herrenvolkideologie“, „Völkermord“, „Integration
durch Ausrottung“, wie sie uns bei den Römern und deren Historikern
begegnen, seien nach Joachim Dalfen keine adäquaten Themen für Menschen
an der Wende zu einem neuen Jahrtausend.
Auf den ersten Blick wirken diese Gegengründe bestechend.
Aber sind sie wirklich überzeugend und lassen sie sich von den Erkenntnissen
der Pädagogik her stützen? Welche Texte wirken eigentlich erzieherisch?
Die glatten, schöngeistigen, unanstößigen, einschmeichelnden, mit dem
Leserempfinden konformen, funhaltigen oder die widerborstigen, ungewöhnlichen,
irritirenden, aufregenden, zum Widerspruch reizenden, provokativen
Texte? Der Liebesroman eines Apollonios, die Alexandervita des Pompeius
Trogus, die Legende des Heiligen Martin, die Colloquia familiaria des
Erasmus, die als Ersatz für Caesar vorgeschlagen werden, oder eben Caesars
von Machtdenken geprägte Schrift über seinen „Gerechten Krieg“ gegen
die Barbaren des Nordens.
Gewiss sind die ersteren Texte reizvoll, interessant und nicht ohne
erzieherische Wirkung. Aber zu massiven Auseinandersetzungen mit Kardinalfragen
der menschlichen Existenz und der europäischen Geschichte, zur Formung
eines eigenen Urteils, zu bewusstem Widerspruch, zur persönlichen Herausforderung
und Kritik, zur Ausbildung eines scharfen Distinktionsvermögens – alles
Verhaltensweisen, die zum Aufbau der Persönlichkeit gehören – führen
sie nicht oder wenig.
Wohl aber die Caesar-Lektüre! Als eine elementare Zielsetzung der Pädagogik
gilt es, dem heranwachsenden Menschen einen festen Stand in seiner Zeit
zu geben, ihn für das Leben in seinen vielschichtigen Aspekten und Anforderungen
tauglich zu machen. Zu den Schlüsselproblemen der Menschheit gehört
wohl immer der Krieg, seit Thukydides der „Zuchtmeister der Menschen“,
mit allen seinen Bedingtheiten, Folgen und irrationalen Mechanismen.
Karl Popper hat ihn zu jenen Problemen gezählt, die zu lösen eine Daueraufgabe
des Menschen bleiben werden. Wenn überhaupt, so gelinge dies nur durch
die kommunikative Auseinandersetzung der Menschen untereinander über
dieses Phänomen, keinesfalls aber durch sein Verschweigen. Friedenserziehung
geschieht, indem man den Krieg betrachtet, analysiert und beurteilt
und die ihm zugrundeliegenden Triebkräfte und Mechanismen offenlegt.
Das sei nichts für Schüler der Mittelstufe, so wird eingewendet; es
sei allenfalls für solche der Oberstufe ein taugliches Thema. Wer es
jungen Menschen aufzwinge, sei ein autoritärer Lehrer. Der liberale
Lehrstil zeichne sich dadurch aus, dass er „dem Kinde läßt, was des
Kindes ist“. Man darf hier den Caesar-Kritikern die Frage stellen, ob
sie überhaupt wissen, womit unsere Kinder schon vor dem eigentlichen
Lesealter konfrontiert werden – durch die Masse der informationstechnischen
Medien mit ihren unzähligen Eindruck hinterlassenden und sie geistig
und seelisch deformierenden Informationen, auch über Aggression, Krieg,
Gewalt, Vernichtung, Vertreibung, Völkermord, imperialistisches Gehabe,
Herrenmoral, Intoleranz.
Schon die Zeichentrickfilme der Kindersendungen, in denen wahllos und
ohne Ende geschossen und getötet wird, bewirken, wie eine Studie des
Münchner Pädagogen Helmut Zöpfl ergeben hat, „dass die jüngsten immer
brutaler werden und vor allem die Grenzen immer weniger kennen.“ Aber
nicht die Gewalt an sich ist das Schlimme, sondern wie sie dargestellt
wird. „Alles ist lustig, sogar der Tod...“ „Die Kinder verlieren den
Bezug zur Realität, alles wird für sie harmlos wie im Fernsehen.“ .
Mit 15/16 Jahren sind die
Schüler schon so in dieser „Kriegs- und Gewaltwelt“ zu Hause, dass sie
den Erscheinungen eher gleichgültig, kritiklos, nicht mit dem nötigen
Ernst gegenüberstehen, ja sogar darüber belustigt, geradezu fasziniert
sind, weil ihnen die Trennung zwischen der primär-realen und der sekundär-virtuellen
Welt, die ihnen hinter den Bildschirmen vorgetäuscht wird, kaum mehr
gelingt. Töten, Morden, Gewalttätigkeit sind Unterhaltungsinhalte. Deshalb
muss, wie von allen Seiten gefordert wird, von der Schule der elementare
Auftrag wahrgenommen werden, so früh wie möglich bei den Heranwachsenden
die Sensibilität für das Abscheuliche zu wecken, das Distinktionsvermögen
für Gut und Böse zu schulen und sie für Kritik zu öffnen, möglichst
an Stoffen, in denen die Problematik an exemplarischen und elementaren
Fällen zutage tritt.
Im Dreißigjährigen Krieg beklagte sich Gustav Adolf über die sich wehrenden
deutschen Bauern, dass er nicht wisse, ob sie „Menschen oder reißende
Tiere sind, da sie Nasen und Ohren abschneiden, Arme und Füße zerschlagen
und ganz mörderisch und grausam mit den Feinden umgehen.“ Der „Schwedentrunk“
ist, wie wir wissen, das drastische Gegenstück.
Der Krieg macht aus Menschen Bestien. Das war in der Vergangenheit
so, ist jetzt nicht anders und wird sich auch in Zukunft nicht ändern.
Die Schüler erfahren von solcher Problematik früh in Film und Fernsehen;
Bernhard Wickys „Die Brücke“ kennen bereits die Vierzehnjährigen und
Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ haben sich nicht wenige schon
auf der Unterstufe per Video „reingezogen“. Auf jeden Fall zu spät ist
die erste kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Krieg“ in der
Oberstufe, in der ja die Schüler bereits in einem Alter sind, wo in
ihrer Gehirnarchitektur die moralische Disposition in der Regel schon
weitgehend festgelegt ist.
Der hier von der Gesellschaft erteilte Bildungsauftrag gilt allen Sprach-
und Kulturfächern, also auch dem Latein. Dieses Fach würde sich, täte
es dies nicht, einer einzigartigen Chance begeben, sich im Gymnasium
als gewichtig und unentbehrlich zu präsentieren. Es ist eine historische
Wahrheit, dass die Römer das erste „tausendjährige Reich“ auf der Erde
schufen und dass sie durch Krieg, den sie zwar nicht erfunden, aber
als perfektes Instrument zur Durchsetzung von Macht und Selbstbehauptung
entwickelt haben, ihr Weltreich eroberten und alle Mechanismen seiner
Begründung in das Denken der Menschheit installierten, dass sie diese
durch Rückgriff auf philosophische Dogmen „moralisch“ in der Weise absicherten,
dass sie sich auch nach dem Ende des Imperium Romanum als tragfähig
für den europäischen Imperialismus erwiesen und auch kompatibel mit
der Absicht christlicher Missionierung. In der Auseinandersetzung zwischen
Europa und Südamerika nach 1492 z. B. ist dieses Faktum extrem evident
geworden, da die spanischen Konquistatoren durch ihre geistigen Führer
sich konsequent und expressis verbis auf die antik-römische Herrschafts-
und Eroberungsdoktrin beriefen.
Die Entdeckung der Menschenrechte
und ihre Kodifikation 1789 im Zuge der Französischen Revolution haben
zwar diesen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Antike und Gegenwart
zerrissen, doch Kriege zur Entbarbarisierung der Welt haben die Europäer
– unter der Attitüde des Kulturbringers – trotz des über ihnen stehenden
Dreigestirns von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bis in
das 20. Jh. hinein geführt. Als Mittel der Konfliktlösung unter Völkern
ist der Krieg auch heute nach wie vor weltweit Realität geblieben, nicht
ohne Analogien zu früher. Das 20. Jahrhundert wird als „Jahrhundert
der Weltkriege“, so die vorherrschende Meinung, in die Geschichte eingehen.
Die Frage des bellum iustum bleibt gestellt, angesichts der Tatsache,
dass fast überall nahezu ohne Unterbrechung die Menschenrechte mit Füßen
getreten werden und die Würde des Menschen auf brutalste Weise Missachtung
erfährt.
Caesars Bellum Gallicum ist – vor diesem Hintergrund betrachtet – ein
Text, an dem sich das Schlüsselproblem Krieg originär an einem überschaubaren
Szenario studieren lässt. Hier wird nicht nur über die Sache geredet
wie etwa im Geschichtsunterricht oder im Unterricht der Politischen
Bildung, sondern am originalen Text des geschichtlichen Täters, also
authentisch, dem Mechanismus von Macht und Krieg und ihrer Umsetzung
in eine „propagandistische Sprache“ nachgespürt.
Caesar hat ja, wie unlängst Udo Scholz nachwies, in den commentarii
keine bloßen Kriegsberichte geschrieben, sondern bewusst gestaltete
historiae hinterlassen, deren Analyse auf Demaskierung des Autors und
seiner leserlenkenden Strategie abzielen sollte.
„Die
commentarii sind als literarisch hochwertiges Selbstzeugnis eines der
größten Tatmenschen der Weltgeschichte ein Unikum“, so Michael v. Albrecht.
Caesar gilt als Exponent
römischer Herrschafts- und Kriegsideologie, er repräsentiert den Typus
des europäischen Machtmenschen, der ohne große Rücksicht seine Ziele
verfolgt und durchsetzt. „Die Macht befand sich im Fadenkreuz seiner
Interessen.“ Viele caesarische
Figuren von kleinerer und größerer Art haben nach ihm Europas Geschichte
bis in unser Jahrhundert gestaltet. Man glaube ja nicht, dass das Zeitalter
der Demokratie jenseits der Jahrtausendgrenze für einen Machtmenschen
nicht mehr anfällig sein wird, und zwar nicht nur in der virtuellen
Welt der informationstechnischen Apparaturen, sondern auch im jeweils
aktuellen Geschehen der weltweiten Politik.
Nicht das Große, Monumentale macht deshalb Caesar heute pädagogisch
interessant, mag er auch eine faszinierende Gestalt der Geschichte gewesen
sein; weshalb er in die Schule gehört, ist das Geschichtsmächtige an
ihm, das für Europa und die Welt Folgenreiche, das Fragwürdige und
eben das Paradigmatische. Nicht eine Figur oder ein Figürchen eines
Theaterstücks oder Romans tritt in der Person Caesars dem Schüler entgegen,
sondern, wie es Rolf Hochhuth formuliert hat, „ein Täter der Weltgeschichte“
mit allen Ecken und Kanten. Diesem Manne ist deshalb nur mit kritischem
Hinterfragen seiner Sprache, seines Textes, seiner Politik beizukommen.
Jörg Rüpkes Frage: „Kann man nicht auch in der Schule Caesar anders
lesen als nur als Schulschriftsteller“, als Autor „guten Lateins?“
muss mit einem unbedingten Ja beantwortet werden. An den oben
angedeuteten Zielvorgaben ausgerichtet erweist sich seine Lektüre als
wichtig, nützlich und notwendig. Sie hat einen nicht geringen didaktischen
Wert. Alle Alternativen zur Caesarlektüre müssen sich daran messen lassen.
Bleibt noch die schwierige Frage zu klären, ob die Lateinschüler der
Mittelstufe schon dies sprachliche Können aufweisen, über das Erschließen
von Satz und Text hinaus sich mit den Intentionen seines „Berichtes“
auseinanderzusetzen.
Diesbezügliche Bedenken sind ernst zu nehmen. Doch da ist der Lehrer
gefordert, der die natürliche didaktische Trias des Übersetzens, Verstehens
und Bewertens zu verwirklichen
hat; der Anspruch und die vertiefende Auseinandersetzung können dabei
auf die Alterstufe bezogen differenziert sein. Den Schwerpunkt
sollte man immer auf die problemorientierte Lektüre
legen.
Jedes Lektüre-Konzept muss außerdem ernsthaft mit ins Kalkül nehmen,
ob die kostbare geringe Unterrichtszeit, die der Staat dem Fach Latein
zur Verfügung stellt, dafür verwendet wird, an irgendwelchen „flüssigen“
Texten die Lesefähigkeit der Schüler zu dokumentieren – das mag für
die modernen Fremdsprachen, wo die schriftliche und mündliche Kommunikationsfähigkeit
anvisiert wird, genügen – oder dazu, intensive Textarbeit an interpretationsträchtigen
Stellen zu betreiben, schließlich eine tiefere Auseinandersetzung mit
den Inhalten anzubahnen. Das schulische Selbstverständnis ist noch nicht
so weit abgesunken, dass es aus den Bedingungen der heutigen Fun-Gesellschaft
den Zwang ableitet, Unterricht ausschließlich als Amüsier-Betrieb anzubieten.
Dem Lateinschüler sollte spätestens mit Beginn des Lektüreunterrichts
etwas vom Sinn seines Lateinlernens aufgehen. Mit Fug darf bezweifelt
werden, dass dies etwa bei der Lektüre des von Fuhrmann zitierten, also
favorisierten Erasmus-Dialogs eher geschieht als durch das Übersetzen
einer gut gewählten und interpretierten Caesarstelle.
“Atat, campana tertiam sonat horam! Alio properandum est. Quo Petrelle?
Quo nusquam magis invitus. Ad scholamne? Immo ad carcerem? Eho. Quid
ita? Scholam carcerem vocas? – An non carcer tibi videtur, qua nos magister
velut in cavea clausos conservat?“
Solch gekünstelten Text ohne jede Intentionalität, dessen Pointe die
Gleichsetzung von Schule mit Gefängnis ist, wird unter den 15/16-Jährigen
nur wenigen mehr als ein müdes Lächeln abnötigen. Liegt wirklich im
„Verstehen“ derartiger Texte der Sinn des Lateinlernens? Er enthält
jedenfalls keinen Sinn, über den sich diskutieren lässt. An solchem
Lektüreunterricht manifestiert sich Un-sinn. Wo und wie würde sich in
der Öffentlichkeit das Fach, so präsentiert, rechtfertigen können? Es
sollte doch, so steht es in den Fachprogrammen, um Schulung des Denkens
und Schärfung des sprachlichen Ausdrucks, um Förderung von Sprach- und
Inhaltskritik, um Ausbildung von Analyse- und Urteilsfähigkeit, um Weitung
des geschichtlichen, politischen und kulturellen Horizonts gehen, also
um die Aneignung von Könnensqualifikationen,
die nach dem allgemeinen Konsens als Voraussetzung für Studium, Beruf
und Leben gelten – wobei gewiss
auch um der „emotionalen Hygiene“ willen – gute affektive Erfahrungen
mit im Spiel sein sollten.
Das bedeutet: Sehr viel liegt an einer sorgfältig überlegten Textauswahl
aus Caesars Bellum Gallicum und an einem klug durchdachten Arrangement
des Lektürematerials, das einen einigermaßen zügigen Lesefortschritt,
das Erfassen der Zusammenhänge und den Einblick in die politischen Hintergründe
ermöglicht nicht ohne optische Unterstützung (durch Bild, Zeichnung,
Skizze, Karte), also letztlich an einer attraktiv gestalteten Textausgabe;
alles aber liegt an der engagierten Arbeit des Lehrers, der frei von
bloßem Routineverfahren seinen Unterricht von den umfassenden Bildungszielen
her gestaltet. Bloßes Übersetzen genügt nicht; zur sprachlichen und
textlichen Analyse, die an den Kernstellen gewiss auch mikroskopisch
sein muss (Wo läge der Bildungswert bei einem bloß oberflächlichen und
flüchtigen Lesen?), gehören unbedingt die Interpretation und die kritische
Auseinandersetzung mit den am Text erarbeiteten Inhalten. So viel Sprache
als nötig, so viel Interpretation als möglich.
Dieser didaktische Ansatz schließt jede Art einer Textänderung in Richtung
auf eine comic-artige Visualisierung aus (Asterix darf und kann Caesar
nicht ersetzen), auch verbietet das Lektüreziel eine verkürzende und
vereinfachende Umgestaltung des Caesartextes ad usum scholae. Denn in
jedem Falle würde der Zugang zum originalen Werk versperrt oder verstellt,
so dass eine „Demaskierung“ des Autors, die Einsicht in die Psychagogie
oder Leserlenkung durch den Autor zwangsläufig nicht zustandekommen
können.
Den Caesar-Kritikern darf man die Anerkennung nicht versagen; ihr Einspruch
hat, wie gesagt, viel bewirkt; zwar ist der Autor nicht aus der Schule
verbannt worden; doch die von ihnen angeregte Reflexion über den umstrittenen
Schulautor hat als bleibendes Ergebnis gezeitigt: Caesar muss unbedingt
besser, d. h. zeit- und schülergemäßer im Unterricht behandelt und wirkungsvoller
der interessierten Öffentlichkeit präsentiert werden. Er ist ein Stück
gemeinsamer Geschichte des Kontinents; mit ihm hat sich nach Ansicht
führender Historiker die politische Landkarte Europas erheblich gewandelt.
Für Norbert Zink ist Caesar „ein europäisches Bildungsgut“.
„Was Caesar bewirkt hat, ist aus unserem geschichtlichen Erbe
nicht mehr wegzudenken und kaum zu entbehren.“ So Friedrich Klingner. Insofern ist er ein europäisches Bildungsgut.
Das sollte durchaus auch in fachübergreifenden Projektvorhaben (etwa
unter den Fächern Deutsch, Geschichte, Politische Bildung, Ethik, Französisch,
Englisch und Latein) den Schülern bewusst gemacht werden. Dies ist im
europäischem Bildungsauftrag des Gymnasiums mit inbegriffen. Eine moderne
Caesar-Lektüre kann zweifellos auch die Berechtigung des Faches Latein
ostentativ vor Augen führen.
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